Trailbau und Pflege Erfahrungen Vom runden Tisch über die Baukonzession bis zum fertigen Trail. Hier ein kleiner Rückblick wie wir zum Trail bauen kamen.

Vorbild USA

Ohne Trails ist alles doof.

Unsere ersten Trailbau Erfahrungen sammelten wir im Jahr 2006. VinschgauBIKE wurde mit dem Guiding und der Shuttle Organisation des ersten MountainBIKE Testivals in Latsch beauftragt. In diesem Auftrag wurde festgehalten, daß wir nach dem Event die Testrunden pflegen müssen.

Dieser Auftrag änderte Einiges: Wir hatten erstmal den offiziellen Auftrag uns um Wege zu kümmern. Bis dahin hatten sich die Wegehalter wie z.B. der Südtiroler Alpenverein, oder der Nationalpark geweigert, Hilfe von Bikern anzunehmen.

In den weiteren Jahren waren wir immer hautnah dabei, wenn es um Trailbau und Trailpflege ging. Wir haben beim Sunny Benny Trail in St. Martin maßgeblich mitgearbeitet, den Holy Hansen, Aigen Trail und den Propain Trail von den Verhandlungen bis zur Fertigstellung realisiert.

Ein Rückblick auf unseren Einsatz findet ihr hier.

 

Trailwork

Ein kleiner Rückblick

Holy Hansen V1

2011 - Die Version 1 des Holy Hansen

Ganz offiziell war der erste Holy Hansen Trail von der Weißkaser Alm bis zur Einmündung des 1er Wanderweges nicht. Eine mit Handschlag besiegelte, mündliche Vereinbarung zwischen dem zuständigen Nationalpark Ranger und mir gab uns zumindestens etwas Rückendeckung.

Wir fanden eine flowige Line von der Weiskaser Alm knapp oberhalb vom Haslhof bis zur Einmündung des 1er Wanderwegs. Dieser Abschnitt wurde nach der Einweihung des offiziellen Holy Hansen Trails wieder aufgelassen.

Sunny Benny Trailbau bei den Annaberger Böden

2012 Trail Toleranz bei St. Martin

In der Arbeitsgruppe Wandern und Mountainbiken in Latsch rauchten den ganzen Winter 2011/2012 die Köpfe. Es brauchte dringend einen Konsens zwischen Gemeinde, Grundbesitzer, Förster, Wanderer und Biker. Das Ergebnis war: Der Kreuzweg Nr. 7 von St. Martin nach Latsch bleibt den Wanderern vorbehalten, die Mountainbiker dürfen unter strengen Auflagen einen Trail bauen.
Die erste Begehung mit dem lokalen Förster, Roman Schwienbacher vom Tourismusverein Latsch und mir war eher kühl und von widersprüchlichen Interessen geprägt: Während uns ein flacher Wegverlauf sehr wichtig war, drängte der Förster auf eine gerade Linie talwärts. So würde weniger Wald in Anspruch genommen.

Am darauf folgenden Tag im Frühjahr 2012  stand ein Trupp von 4 Mann und ein Mini Bagger am Trailhead.

Baggerfahrer Urri folgte meinen Linien, Roman und zwei vinschgauBIKE Guides schaufelten fleißig hinterher. Zwei Wochen später war der Trailabschnitt fertig und der aktualisierte GPS Track im Netz. Dem Trail gab ich den Namen "Sunny Benny" im Erinnerung an unseren Benny.

Im Herbst 2012 war nochmals ein wenig Budget frei, somit wurde auch der erste Abschnitt des Trails von St. Martin zum Parkplatz hergerichtet und eingeschottert. Sämtliche Arbeitsstunden von vinschgauBIKE wurden auf freiwilliger und unentgeltlicher Basis geleistet.

2014 Offizielle Baukonzession und Trailbau

Der "Holy Hansen Version 1" eroberte seit 2012 sofort die Herzen aller Mountainbiker. Jedoch gab es auch vermehrt Ärger, führte der Trail scharenweise Biker direkt auf den 1er Wanderweg. Da dieser im unteren Abschnitt über Wiesen und Weiden führt, sorgte bei den Grundeigentümern zu wenig Verständnis.

Auch in der Gemeinde  Schlanders wurde nun eine Arbeitsgruppe gegründet. Die Brennpunkte: Der viel frequentierte (von Wanderern und Bikern) Trail von Patsch nach Schlanders und eben der Holy Hansen.

Das einstimmige Ergebnis: Auf dem Nördersberg waren alle Parteien einig, der Holy Hansen soll komplett in den Wald verlegt werden. In gut 15 Begehungen wurde endlich eine Trasse gefunden. Die Grundeigentümer gaben ihr Einverständnis und nun war der Weg frei für die offizielle Baukonzession.

Ein Architekt mußte her, aber keiner wollte sich diesem Spezialgebiet annehmen, zumal die ausgeschriebene Projektsumme für den Bau gerade mal € 20.ooo betrug. Also: selbst ist der Mann - auf ins Bauamt, Sichtung von vergleichbaren Projekten wie z.B. Forstwegebau, technische Beschreibungen kopieren und anpassen, eine Landkarte erstellen, Querschnitte zeichnen. Mit allen Unterschriften versehen, schaffte unser Projekt auf Anhieb eine offizielle Baugenehmigung. Die Forstbehörde und die Nationalparkverwaltung gaben daraufhin ebenfalls ihr Einverständnis. Wir konnten starten.

Endlich: Trail bauen am Holy Hansen.

Holy Hansen, endlich wurde gebaut.

Nachdem alle rechtlichen Schritte für die Bauausführung geklärt waren, fiel am 9. April 2014 der Startschuß. Sector 7 vom Wiebenhof bis zur Straße wurde angegangen.

Immer wenn nach verlängerten Weekends der Strom der Biker etwas abflachte, war die vinschgauBIKE Trailcrew am Holy Hansen anzutreffen. Das Team bestand meist aus 5-7 Personen.

Sechs Wochen Einsatz waren notwendig, am 1. Oktober wurde der letzte Sector 1 fertig, der Holy Hansen erhielt eine Beschilderung, ja sogar eine Eröffnungsfeier. Erfreulich war die Abschluß-Sitzung am Ende des Jahres.

Die Skepsis der Bauern war verflogen, keine Biker störten mehr auf dem alten 1er Wanderweg, es herrschte eine sehr positive Stimmung, welche folgend zum Bau des Aigen Trails verhelfen sollte. Das Projekt Holy Hansen wurde als großer Erfolg gefeiert.

2015 Wanderer und Biker werden getrennt. Der Propain Trail

Gestärkt durch das positive Ergebnis am Holy Hansen wollte die Gemeinde- und Forstverwaltung nun auch kräftig mithelfen, um die Probleme am Sonnenberg zu klären. Am 14er Wanderweg waren die Frequenzen von Wanderern und Bikern extrem gestiegen, der Wegewart schimpfte schon seit Jahren über Erosion und steigende Kosten.

Auch hier kann ein eigener Trail für Biker helfen. Und siehe da: Dauerte der Genehmigungsprozess beim Holy Hansen fast drei Jahre, waren es jetzt am Propain Trail nur noch 3 Monate. Wir wurden beauftragt eine Trassenführung auszuarbeiten, die Begehungen wurden von der Gemeinde und Forst organisiert, der Tourismusverein sorgte für die Finanzierung. Für die Baukonzession samt aller weiteren Genehmigungen reichten 40 Tage.

Trailbau am Sonnenberg

Frühjahr 2015. Knapp 4 Wochen Zeit.

Das milde Wetter im März 2015 wurde optimal genutzt. Zwar waren einige vinschgauBIKE Guides kurzfristig nicht verfügbar (Skilehrer haben im Winter Hochsaison) aber ein gutes Team schaffte das Unmögliche. In 25 Tagen wurde der Trail von Patsch bis zur Einmündung des 13er Weges realisiert. Mit der Firma Propain wurde auch ein prominenter Wegpate gefunden. Die Bikeschmiede hilft für drei Jahre finanziell maßgeblich an der Trailpflege mit.

Typisch Sonnenberg! Die sandigen Böden am Sonnenberg sind des Trailbauers Graus. Es gab fast keinen Niederschlag im Winter 2015. Fehlt Feuchtigkeit im Boden, scheitern alle Bearbeitungsmethoden. Im Ziehharmonika-Verfahren legte ich mit dem Bagger einige Meter vor, dann blieben weniger als eine Stunde um den Abschnitt zu formen und zu verdichten, bevor sich der Untergrund in Form von Staub verflüchtigt.

Sanierung Wanderweg

Nicht nur neu bauen, auch sanieren war angesagt.

Natürlich gab es auch am Propain Trail einige Einschränkungen. Unser gewünschter Wegverlauf wurde in zwei Abschnitten abgeändert. Somit waren vom Trailhead bis zum Ende 43 Kurven aller Art notwendig, um das mittlere Gefälle des Trails unter 10% zu halten. Mehr als die doppelte Wegstrecke im Vergleich zum alten 14er Wanderweg bringen nun doppelten Fahrspaß.

Von einem echten Flow Trail à la Kokopelli Loops in Fruita Colorado ist auch der Propain Trail weit entfernt. Hätte der Trail noch mehr Kehren und flachere Wegverläufe, wir hätten den Trail wie die Stilfserjoch Straße mit Stützmauern befestigen müssen.

Die Pflege des Trails erfolgt vier bis fünf mal jährlich. Immer dann, wenn ausreichend Regen für eine "modelierbare" Masse sorgt.

Der Aigen Trail

2015 Der Aigen Trail. Win-Win Situation

Im Herbst war der Holy Hansen gerade fertig. Und ich war gespannt über die Bilanz-Sitzung. Für die Lenkung der Biker weg vom 1er Wanderweg, von den Wiesen und Weiden, habe ich mich persönlich verbürgt. Und es hat geklappt.

Dies war der Grund für Bauer Sigi am Aigen Hof, ein unschlagbares Angebot zu unterbreiten. Seit Jahren queren Biker vom Zugtrail kommend seinen Aigen Hof. Hier am Hof arbeiten Menschen, spielen Kinder, leben Tiere. Daß vereinzelte Biker ohne Rücksicht direkt vor der Haustüre vorbei "brettern", störte zunehmend.

Bauer Sigi bot sein Waldstück für einen Trail oberhalb seines Hofes an. Da kurz nach dem Propain Trail Bau aber kein Geld verfügbar war, übernahmen wir vinschgauBIKEr die Kosten und bauten die Hofumfahrung.

Fünf Minuten länger ist die Auffahrt zum Trailhead geworden, diese lohnen aber definitiv. Verständlich, daß Bauer Sigi am Hof nun das "ZERO BIKER" Moto verfolgt. Ein Hinweisschild war zu wenig, seit 2016 prangt auch ein Bike Verbotsschild an der Zufahrt zum Hof.

Unterschrift zwischen Grundeigentümern und Gemeinde

Geben und nehmen.

Wir haben seit 2011 viel erreicht und viel gelernt und dafür sind wir sehr dankbar. Es war ein langer, harter Weg, welcher immer mit vielen Vorurteilen gepflastert war. All diese Projekte entstanden durch unsere Überredungskunst und die Entscheidungskraft Einzelner.

Nach amerikanischem Vorbild haben wir uns auch bereit erklärt, für die Jahre 2014-2016 kostenlose Trailpflege zu leisten. Auch dies wurde von den Entscheidungsträgern sehr gut angenommen. Auch die Trailpflege bringt viel Erfahrung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei den vielen Spenden von Bikern bedanken. Und natürlich auch bei Jenen, welche einen Urlaubstag zur Mithilfe geopfert haben. Danke Leute!

Lösungen, wenn die Stimmung kippt.

Auch wenn ich eine persönliche Bindung zum Holy Hansen habe, der Trail gehört nicht mir, sondern dem Tourismusverein Schlanders als Betreiber. Der Betreiber ist  Ansprechpartner bei aufkommenden Problemen.

Die Shuttle-Frequenzen sind im Vinschgau die letzten Jahr deutlich gestiegen, was die Einwohner von Göflan stark stört. Im Jahr 2017 wurden einige Regelungen erlassen, welche das Dorf Göflan entlasten sollen. An mehreren Tagen die Woche wird der Shuttle-Service zum Holy Hansen nicht angeboten, weiterhin erhält der Holy Hansen nach Regenfällen einen Tag Shuttle-Pause um wieder zu trocknen.

Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, es bleibt zu hoffen, daß die Kommunikation zwischen allen Beteiligten nie abreißt und immer wieder ein neuer Konsens gefunden wird. Natürlich liegt es auch an uns Bikern, diese Veränderungen zu respektieren. Mißachtung wäre fatal für die weitere Entwicklung des Mountainbike Sports in den Alpen.

Schäden durch Nässe

Gebote und Verbote statt Egoismus.

"Ich will jetzt und nicht morgen!" Man kann es Egoismus, Ignoranz, Gleichgültigkeit, Blödheit oder Unwissenheit nennen. Aber uns europäischen Mountainbikern fehlt das Verständnis für Trails, Gebote und Verbote.

Biker nutzen meist ein jahrhundertealtes Wegenetz; speziell gebaute Trails gibt es meist nur in Bikeparks. Und dort zahlt man für die Nutzung.

Ergo: Nur die wenigsten Biker in Europa haben für ihr Streckennetz selber sorgen oder schwitzen müssen. Sie sind reine Nutzer. (Dazu sind wir ja meist sogar verdammt, denn Trailpflege ist fast überall das Recht des Alpenvereins oder einem anderen Verein).

Ganz anders ist die Situation in den USA. Dort wurden viele Bike Trails von Bikern angelegt. Weiter gilt der erhobene Zeigefinger: Wer sich nicht um die Trails kümmert, wird verbannt.

No dig no ride

In den Staaten ist es selbstverständlich, daß sich alle Wegnutzer gemeinsam um ihren Trailschatz kümmern. Nicht selten sind Mountainbiker, Wanderer, Reiter und oft sogar Motocrosser gemeinsam auf ihren Hometrails am ausbessern und shapen. Entsprechend respektvoll wird dann auch damit umgegangen.

Biker wachen über ihre Trails.

Dieses nette Schild habe ich auf dem Raiders Ridge in Durango Colorado gefunden. Hier wacht die lokale Bike Community über die Trails und die illegalen Aktivitäten drum herum.

Du bist kein Spießer, wenn du einige Rüpel im Wald ansprichst. "Ballern, fräsen, hacken, shreddern, rocken" - passen diese Verhaltensweisen auf Natur-Trails?

Müssen sich andere Wegnutzer fürchten, weil ein "Möchtegern" gerade Strava laufen hat und seinen Rekord verbessern will?

Wir meinen NEIN!

 

Trailpflege bei Montani

Respect the trails

Trails sind des Mountainbikers Heiligtum. Und so müsste jeder einzelne Biker die Trails auch behandeln.

Feile an deiner Fahrtechnik, dann bleibt die Hinterradbremse offen. Schätze dich richtig ein und fahre Trails, welche dir Spaß machen. Denk daran, der Großteil der Trails in den Alpen sind Wanderwege. Du triffst auf andere Menschen. Sei freundlich.

Auch du kannst unseren Sport beliebter oder verhasst machen. Nimm die Challenge an und trage die Verantwortung von uns Bikern respektvoll mit.

Trailbau, man lernt nie aus.

Es war mehr als nur Trailbau. Von 2012 bis 2017 ist einiges passiert. Sitzungen, Begehungen, Vertrauensaufbau, ein eiserner Wille und harte Trailarbeit waren notwendig um den Holy Hansen, Aigen Trail und Propain Trail umzusetzen.

Es freut uns, daß 2018 die Pflege des Holy Hansen Trails von den lokalen Grundeigentümern übernommen wird. Wir vinschgauBIKER werden uns weiterhin um den Propain Trail kümmern.

Auch 2019 wird dieses Konzept weitergeführt, und es steht aufgrund der Windstürme einiges an Arbeit auf den Trails an.